Barbara Baum, Anne Loschky
Alle sind in ihren eigenen Ausdruck gegangen ...

Tanz | Bewegung | Ausdruck
im Herbst 2017
tanzwerk bremen in Kooperation mit der Bremer Heimstiftung und dem Gemeindezentrum Zion


„Es spielte keine Rolle, wer von einer Demenz betroffen ist und wer nicht. Alle sind in dieser Runde gleich. Es ist angenehm, mit Menschen mit Demenz so unbefangen zusammen sein zu können. Das, was kommt, was sich entwickelt, erfährt keine Bewertung – nur Aufmerksamkeit. Das hätte ich anfangs nicht für möglich gehalten.“ So eine Tandempartnerin im Kurs Tanz | Bewegung | Ausdruck (Herbst 2017)


Überraschung
Zum vierten Mal nun veranstalteten wir den Kurs, brachten ihn vorher ins Gespräch oder zeigten wie z.B. im Demenzforum den kleinen Film vom Sommer 2016. Frau Schuer vom Weserkurier schrieb einen Artikel, der einfach Lust machte, dabei zu sein. Und doch gab es einen bangen Moment, in dem wir nicht wussten, wie wird es sein, werden wir „unsere“ Teilnehmer*innen wiedersehen, neue dazu gewinnen?

Die erste Überraschung: aus der Demenzgruppe des Hauses im Viertel wollten vier Bewohner*innen mit Tandempartner*innen mitmachen und jeden Donnerstag in ein Taxi steigen und über die Weser fahren.

Die zweite Überraschung: zwei Tänzerinnen vom tanzwerk bremen wollten gerne Tandempartnerin sein und haben diese Unternehmung zusammen mit einer Nachbarschaftshelferin und einer Angehörigen möglich gemacht.

Die dritte Überraschung: zum Vorbereitungs- und Informationstreffen für Angehörige und Tandempartner*innen kamen noch andere Interessierte, die herausfinden wollten, was es mit dem Kurs auf sich hat und ob sie eventuell als Tandempartner*in aktiv sein könnten.

Die vierte Überraschung: zum ersten Treffen kamen fast 30 Teilnehmer*innen. Davon 7 dementiell Erkrankte mit ihren Angehörigen oder Tandempartner*in. (Regelmäßig nahmen dann am Kurs 22 - 25 Personen teil.)
Uns wurde es ein bisschen bang, es standen so viele Erwartungen im Raum und wir wussten nicht, ob wir dem gerecht werden würden. Da galt es sich vertrauen, dem Tanz vertrauen und vertrauen, dass es richtig ist, einen Tanzkurs für Senioren “nur“ inklusiv auszuschreiben und anzubieten.

Erfahrung - Konzeption
Nun nach der Durchführung von vier Kursen stellt sich die Frage nach den Bestandteilen, die den Kurs konzeptionell bestimmen?

Tanz | Bewegung | Ausdruck

Natürlich ist das sich bewegen das A und O. Und da geht es im Kurs immer gleich los: recken, stöhnen, ächzen. Das kann jeder. Albern sein, komisch, ungewöhnlich, laut oder leise auch. Auf Bewegung antworten, Bewegung weitergeben, einer Bewegung „zuhören“, einen Bewegungsimpuls in sich wahrnehmen, sich von einer Bewegung anrühren lassen – da beginnt etwas Neues. Die Bewegung wird innerlicher, gehört einem mehr, sie ist frei erfunden, sie ist einmalig und individuell. Das macht sie so kostbar.
Und hier beginnt unser Suchen als Kursleiterinnen, wie können wir diesen Prozess ansteuern.
Dafür braucht es die Erlaubnis, sich ungewöhnlich, sich anders als sonst zu bewegen, sich auszuprobieren. Mit Achtsamkeit bei sich und dem anderen zu sein. Ins Innere zu lauschen. Wir haben die Aufgabe, diesem „Kauderwelsch“ eine Ordnung, eine Struktur zu geben, z.B. ganz einfach: alle machen mal kleine Bewegungen, alle mal alle große etc. Doch dieses Struktur geben funktioniert eigentlich nicht wirklich, weil jede*r die Anregung anders aufnimmt, anders versteht und diese Elemente als kreative Impulse, als neue Ideen, als Anregung aufzunehmen gibt dem Kurs seine Dynamik und braucht die Erfahrung der Kursleiterinnen in Tanzimprovisation. Trotzdem dabei zu bleiben, um was es gehen soll, was der gewählte Fokus ist, kreiert für alle die Herausforderung, ihre besondere Bewegungsart zu finden. Dazu dann Stimme, Rhythmusinstrumente, einmal Mats Kleinecke am Klavier und einmal Michael Palloch am Bandonium als Unterstützer!

„Es ist so phantastisch zu erleben wie schön die Tanzenden aussehen, jede*r auf ihre*seine ganz persönliche Art!“
„Zuerst hatte ich Probleme und dachte, das ist doch für die Menschen mit Demenz viel zu schwer. Und irgendwann habe ich gemerkt – ich selber muss meine Erwartungen runter schrauben. Es geht hier einfach nur um spontanen Ausdruck und Lebensfreude und wir müssen gar nicht perfekt sein. Jetzt bin ich viel entspannter. Am Anfang dachte ich noch: Schaffe ich das? Aber dann waren meine Ängste schnell weg. Im Laufe des Kurses wurde es immer einfacher für mich. Alle waren so offen!“

Tandempartner*in
Damit der Kurs inklusiv ist und sich alle finden, braucht es für die dementiell Erkrankten die Tandempartner*in. Dies kann eine Angehöriger, eine Angehörige sein, Freund oder Freundin, jemand aus dem Pflegeteam oder andere, die für diesen bestimmten Zeitraum sich dieser Aufgabe stellen.
Die Tandempartner*in hat ihre Aufmerksamkeit auf verschiedenen Ebenen. Sie/er nimmt selbst einfach und direkt am Kurs teil, hat ihre/seine Aufmerksamkeit bei sich, bei den Orientierungen der Kursleiterinnen und ist aber Tandem. Wo steht der/die andere, was beschäftigt sie/ihn, wie ist ihre/seine Stimmung, wo ist ihre/seine Aufmerksamkeit. Und über allem, was ist der Impuls der aufgenommen wird, der beantwortet werden möchte. Und deutlich wurde, dass die Tandempartnerinnen diese Präsenz mitbrachten. (Dies vielleicht die fünfte Überraschung.) Ihre Haltung von Wertschätzung und Achtsamkeit fern von aller Gängelei und Bevormundung gegenüber dem dementiell Erkrankten war der sicherer Boden, den es braucht.
Im Kurs gab es dann immer wieder Momente, da sich die Rollen auflösen konnten, sei es, dass die dementiell Erkrankten sich immer sicherer und vertrauter fühlten, mit dem Raum, mit den anderen, mit den Kursleiterinnen; sei es, dass alle anderen Teilnehmer*innen sich mehr und mehr trauten in Kontakt, in den Tanzdialog mit ihnen zu gehen, dass spontan nötige Orientierung, Sicherheit und Hilfe einfach untereinander gegeben wurden.

Unterm Strich
Unterm Strich ließen sich die Erfahrungen und die Elemente aus den vorangegangenen Kursen bezogen auf die Ausgestaltung des Kurses wiederholen, bzw. präzisieren.
Der Teilnehmerkreis der dementiell Erkrankten hat sich erheblich vergrößert und es gab nun auch eine klar definierte Gruppe von Tandempartner*innen. Es war möglich diese vorzubereiten und auch ihre Erfahrung speziell auszuwerten. Dadurch hat sich das Konzept weiter stabilisiert.
Aus dem Stadtteil sind einige neue Teilnehmer*innen hinzugekommen.
Die WogeBewohnerinnen (Demenzwohngruppe im Stadtteil) haben erneut teilgenommen, wie auch ca. 10 „alte“ Kursteilnehmer*innen.
Im Gemeindezentrum Zion zählt der Kurs schon zum „regulären“ Programm. In diesem großen Raum und sozusagen „mittendrin“ im Stadtteil zu sein, ermöglicht die besondere Mischung in der Teilnehmergruppe.
Die ausführliche Beschreibung des Kurses im Weserkurier war ein wesentlicher Baustein für das Bekanntwerden des Kurses.